WISSENSCHAFT

Forscher lösen ein Rätsel

Lange hat ein Phänomen Fragen aufgeworfen. Lesen Sie in diesem typischen wissenschaftsjournalistischen Artikel, wie Forscher das Problem nun aus der Welt geschafft haben wollen, und wie die Erkenntnisse sich bald positiv auf Ihre Partnerschaft, Ihre grundlegende Weltsicht oder Ihre Stromrechnung auswirken könnten.

Wer kennt das nicht? Eine floskelhafte Einleitung greift ein alltägliches Ärgernis auf und konstruiert so einen Bezug zu Ihrer Lebenswelt, auch wenn das Thema der Meldung eigentlich äußerst abstrakt und theoretisch ist. Es geht nämlich um ein lange Zeit ungeklärtes wissenschaftliches Problem, von dem Sie bislang vermutlich nicht einmal etwas gehört haben, genau so wenig wie der Autor dieser Meldung. Dennoch wird viele Leser die gute Nachricht erfreuen, dass Experten aus einem obskuren Fachbereich dem Phänomen endlich auf die Spur gekommen sind.

US-amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass sich der komplexe Zusammenhang erschließt, wenn man einige hanebüchene Vereinfachungen vornimmt und gemessene Daten selektiv und mit leicht zugekniffenen Augen auswertet. Für die Erscheinung verwenden Wissenschaftler einen Fachbegriff, den so genannten Terminus, der an dieser Stelle kurz erklärt wird. So merken Sie, dass es sich hier um ernstzunehmende und etablierte Forschung handelt. Ein flüchtiger Blick in das Forschungsfeld stellt den größeren Zusammenhang her und bietet Gelegenheit, einige ältere Artikel zu verwandten Stichworten an dieser Stelle zu verlinken, um für sie das Suchmaschinenranking und die Klickzahlen noch etwas zu verbessern.

Pressebild
Da weder Zeit noch Geld da war, die Zusammenhänge professionell illustrieren zu lassen, lockert hier ein stümperhaft gemachtes Bild den Text auf, das die Pressestelle der Universität zusammen mit der Pressemitteilung bereit gestellt hat.

Zwar waren sogar Wissenschaftler von deutschen Instituten beteiligt, aber wieder einmal hat es nur die Pressestelle der teilnehmenden amerikanischen Universität geschafft, rechtzeitig zur Veröffentlichung der Studie eine Pressemitteilung herauszugeben. Diese kann der zuständige Redakteur glücklicherweise aufgreifen, um die wesentlichen Zusammenhänge ohne großen Aufwand hier leicht umformuliert wiederzugeben. Da er gerade einmal eine gute Stunde Zeit hat, diese Meldung aufzuschreiben, würde er es auch gar nicht schaffen, die Originalpublikation selbst durchzulesen – als Laie auf diesem Gebiet verstünde er ohnehin nicht viel davon. Sollte das Pressematerial ärgerlicherweise kein direktes Zitat der Forscher liefern, überfliegt der Journalist aber vielleicht noch das Abstract oder die Schlussfolgerungen am Ende der Studie, um einige Aussagen daraus indirekt wiedergeben zu können. Die gemessenen Zusammenhänge seien statistisch signifikant und deuteten eindeutig darauf hin, dass ihre Hypothese zutreffe, schreiben die Forscher. In der Zukunft könnten damit bedeutende Fortschritte in Medizin, Computertechnik oder Kosmologie erreicht werden.

Wenn der Redakteur noch etwas Zeit hat – etwa, weil er den Artikel dank Vorabinformationen für die Presse rechtzeitig vor Publikationsdatum der Studie vorbereiten kann -, bittet er noch einen Experten per Mail um eine kurze Stellungnahme. Dieser Forscher von einem renommierten Institut findet die Arbeit seiner Kollegen interessant, betont aber, „dass noch weitere Untersuchungen nötig sind, um zu klären, ob der Effekt tatsächlich real ist. Insbesondere werden nun besonders aufwändige Experimente finanziert werden müssen, wie ich sie in meiner Gruppe durchführe.“ Anders als in der Überschrift angedeutet, geht die Forschung auf diesem Gebiet nun also weiter und in einigen Monaten wird auf dieser Seite ein Artikel nach dem gleichen Schema erscheinen, der eine ganz andere Erklärung bietet, sofern das Wissenschaftsressort dann noch nicht im Zuge einer redaktionellen Neustrukturierung von klickträchtigeren Themen wie Promi-Brüsten und Tiervideos abgelöst wurde.

Von Mike Beckers

Eine Verknüpfung mit dem leidlich gepflegten Twitterprofil des Autors am Ende des Artikels vermittelt den Lesern, dass die Redaktion mit der Zeit geht.