#konForPreBiTa: Verunanschaulichende Pressebilder

Damit Journalisten Meldungen bebildern können, liefern Pressestellen zu ihren Mitteilungen frei verwendbares Bildmaterial. Gut gemeint, aber oft schlecht gemacht – und dann nicht nützlich, sondern eher unfreiwillig komisch.

Es begann im Mai 2015 mit der Banane einer Kellnerin. Wie die meisten Wissenschaftsredakteure durchforste ich regelmäßig aktuelle Pressemitteilungen. So etwas gibt man heraus, wenn man will, dass Journalisten darüber berichten, was man gerade so tut. Universitäten, Fachjournale und auch Forscher selbst haben immer mehr Interesse daran. Zum Glück! Was allerdings dabei herauskommt, wenn Menschen keine Übung im Erklären haben, ist traurig und hilft keinem. Der Journalist kann mit der Mitteilung nichts anfangen. Die Pressestelle hat fruchtlos Arbeit hinein gesteckt. Und die beteiligten Wissenschaftlerinnen wundern sich, warum sich niemand außerhalb der eigenen Kreise dafür interessiert, was sie tun.

Doch zurück zur Banane. „Waitress Gives Monk a Banana“ war der Titel eines Bildes, das mir in jenem schicksalhaften Mai in der Übersicht neuer Pressemitteilungen auffiel:

Das Bild hielt, was der Titel versprach. In einem Cartoon war zu sehen, wie eine Kellnerin einem Mönch eine Banane reichte. Aber was zum Teufel?

Diese ohne Kontext absurde Dada-Szene war für mich so etwas wie ein Moment der Erweckung. Sie hat mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet – genau das Gegenteil von dem, was eine gute Illustration leisten soll. Solche Grafiken verunanschaulichen. „Irgendein Bild ist immer noch besser als kein Bild“? Nein. Irgendein Bild zeigt mir, dass ich mir besser gleich die Zeit spare, weiterzumachen, weil dann die Meldung selten liebevoller erstellt ist.

Die Banane der Kellnerin war der Anfang des kontextlosen Forschungs-Pressebilds des Tages auf Twitter, #konForPreBiTa. Nicht jeden Tag, nicht immer kontextlos. Aber immer mit der Frage: „Was hat sich die Pressestelle dabei bloß gedacht?“ Im Lauf der Zeit haben sich mehrere Arten herauskristallisiert, wie Kommunikationsprofis regelmäßig daneben greifen und Grundregeln missachten. Ein paar Beispiele:

Gaga

Papenfort und Vogel mit Kalender
„Wie wollen wir eure Erbgutforschung bebildern?“ – „Null Plan, du bist der Fotograf“ – „Ach, egal“ (Quelle: Universitätsklinikum Würzburg, mit Dank an @FrauHenne)
gyrus_angularis
(Quelle: MPI für empirische Ästhetik / M. Scharinger / F. Bernoully)

bacteriophages

 

emojiMRT
„Oh!“ – „Was, Herr Doktor?“ – „Das MRT zeigt ein weinendes Emoji in Ihrem präfrontalen Kortex.“ (Quelle: Johnathan Hewis)
möhrenhelm
Wer hat’s erfunden? Die Schweizer. Doch warum bloß? (Quelle: Empa)
riesenmitochondrium
Liebling, jetzt haben wir ein Riesenmitochondrium (Quelle: MPI für Psychiatrie / Filiou)
Menschen mit einem orangen Powerpunkt im Hirn gelingt es mühelos, mit allen drei Armen einen Gegenstand zu halten, kommentierte @emtiu dieses Bild
Menschen mit einem orangen Powerpunkt im Hirn gelingt es mühelos, mit allen drei Armen einen Gegenstand zu halten, kommentierte @emtiu dieses Bild (Quelle: Michael Halassa, M.D., Ph.D., New York University’s Langone Medical Center)

Gebastelt mit MS Paint und PowerPoint, gespeichert als verpixeltes Mini-JPG

„Ich brauche noch ein Pressebild zu der Veröffentlichung!“ – „Kein Problem, ich mach schnell nen Screenshot von einer meiner Präsentationen oder skizziere rasch was in MS Paint.“ – „Tu auch noch ein paar von diesen lustigen Clipart-Bildern rein!“

Smartphones, Tablets und Desktopmonitore haben HD-Auflösungen, gleichzeitig liefern Pressestellen immer noch Bilder mit 500 Pixel Breite. Warum glaubt eigentlich irgendjemand noch, dass ein Journalist mit so etwas arbeiten will?

napa
(Quelle: David Drew)
clintonlion
(Quelle: Andrey Vyshedskiy)
fütütütü
(Quelle: NIST)
intestine
Ja, all der weiße Raum gehört zum Bild. Bonuspunkte für die Mauszeichnung.
fastfoodstrasse
(Quelle: Laura Kyro)
tanzpartner
Bei Anwesenheit einer Jazzband finden sich Elektronen zu supraleitenden Tanzpärchen zusammen. (Quelle: National University of Singapore)
neuronalcomicsans
Genexpression. Nur echt mit Comic Sans. (Quelle: Eugene Makeyev)
transcriptionallyactivecomicsans
(Quelle: Mitsuyoshi Nakao, CC-BY-SA 4.0)

„Ich hätte Künstler werden sollen!“

Einige Bilder zu Veröffentlichungen sind liebevoll von Hand gezeichnet. Redakteure wollen Pressemitteilungen aber nicht an den Kühlschrank neben die Buntstiftmalereien ihrer Grundschulkinder hängen. Eine gute Illustration ist entweder realitätsnah oder auf das Wesentliche reduziert. Beides ist sicher nicht erfüllt, wenn das Pressebild aussieht wie etwas, was die unglückliche Kunstlehrerin einer gymnasialen Mittelstufe benoten muss.

aquarellbakterien
(Quelle: Renee Fox)

Zu kompliziert

„Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“. Nur was für Worte? Man sollte jedenfalls sicher stellen, dass die gewählten Begriffe aus einer Sprache stammen, die der Betrachter spricht. Viele Pressemitteilungen lesen sich wie Fachpublikationen, aus denen lediglich die Literaturverweise gestrichen wurden. Ensprechend sehen die Bilder dazu aus.

 

moskito
Wenn das Bild nicht verwirrend genug ist, einfach noch ein paar komplizierte Formeln und Tabellen aus dem Paper kreuz und quer rein kopieren. Denn falls jemand die Forschung versteht, könnte sonst der Eindruck entstehen, sie wäre nicht anspruchsvoll genug.
retigabine
(Quelle)

Profis? Wer braucht schon Profis!

Smartphones machen doch auch gute Fotos. Dafür müssen wir doch keinen bemühen, der sein Handwerk gelernt hat.

giovannastrockner
Giovanna, steck deine Doktorarbeit in den Wäschetrockner, ich mach mit dem Smartphone ein Pressefoto! (Quelle: Stockholm University)

Übrigens, …

… auch die NASA veröffentlicht solche Bilder. Etwa den spannenden Comic „Spooky Action at a Distance“:

spooky20160212
(Quelle: NASA/JPL-Caltech)

Und was soll das alles?

Jede Nachricht mit einem Bild dekorieren zu müssen, führt bei Journalisten häufig dazu, lieber schnell ein Symbolbild zu nehmen als eines der hier gezeigten. Das ist schade, denn bestenfalls passen brauchbare Illustrationen bereichernd zur Meldung, statt nichtssagend zu sein. Ein Artikel über Neurowissenschaften? Hier, ein im Computer gerendertes Gehirn. Eine psychologische Studie zu was auch immer? Da, eine entrückt in die Ferne blickende junge Frau. Was über Astronomie? Wir haben doch bestimmt noch irgendwo eine alte NASA-Illustration rumliegen, die wir erst 20-mal gezeigt haben. Technologie? Guck doch mal eben bei unserem Microstock-Anbieter. Zeit und Geld, eine eigene gute Grafik zu erstellen? In deinen Träumen!

#konForPreBiTa ist zunächst einmal nur ein privater Spaß. Es ist kein Aufruf zu mehr von solchen Symbolbildern, in der irre geleiteten Absicht, nirgends anzustoßen. Es soll auch niemanden bloßstellen. Es ist lediglich ein augenzwinkernder Versuch, Wissenschaftsvermittler anzuregen, ihre alltägliche Arbeit zu hinterfragen, sich selbst zu entlarven und sich, wo nötig, Hilfe zu holen, damit die investierte Mühe sich lohnt. Habe ich wirklich alles auf das Wesentliche reduziert oder mich in kunstvollen Details verloren? Setze ich nur Wissen voraus, das mein Gegenüber hat? Macht es Spaß, sich damit zu beschäftigen oder macht es nur Arbeit? All die Regeln guter Kommunikation gelten für Bilder schließlich ebenso wie für Sprache.